Der Paragone

Prof. Dr. Wolfgang Becker

Der "Paragone". Zu den Diptychen von Zeichnungen und Fotografien
von Gerlinde Zantis und Michael Dohle

Vor 1830 waren es nicht Fotografen, sondern Zeichner, die Insekten unter Mikroskopen und Sterne über Teleskopen zeichneten, Expeditionen und Kriegszüge, Schlachten und Krönungen dokumentierten und Reisebeschreibungen in bebilderten Foliobänden als "Voyages Pittoresques" herausgaben. Heute gibt es sie nur noch in Gerichtssälen, wo Fotografen nicht zugelassen sind.

Es gibt freilich bis heute Zeichner als Künstler, und unter den Künstlerinnen bewundere ich zwei: Vija Celmins in Venice/Kalifornien, die nach eigenen Fotos große Graphitbilder des pazifischen Ozeans herstellt, und Gerlinde Zantis in Aachen, die in ihren Graphit- und Pastellzeichnungen Landschafts- und Häusermotive aus den kaum bewohnten Hochebenen im Département Lozère in Frankreich bearbeitet.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Künstler nach eigenen oder fremden Fotografien zeichnen oder malen. Deren Coke hat darüber ein ausführliches Buch geschrieben "The Painter and the Photograph from Delacroix to Warhol". Celmins und Zantis verbindet aber eine ungewöhnliche Nähe zwischen Foto und Zeichnung, so dass man das eine nicht ohne das andere denken kann.

Ungewöhnlicher als der Maler, der fotografiert, ist freilich der Fotograf, der malt oder der seinen Fotoarbeiten den Anschein von gemalten Bildern gibt. Michael Dohle habe ich 2010 in einer kleinen Ausstellung zu Gedichten von Herta Müller und Oskar Pastior "Atemschaukel Aufheizkörper" kennen gelernt und verwundert ein Landschaftsdiptychon und einige große Fotoabzüge angeschaut, die nicht wie Fotografien aussahen.

Wohlan, lassen wir uns auf einen Wettkampf der Medien, einen Paragone ein, wie ihn die Künstler um Leonardo, Michelangelo und Vasari ausgefochten haben zwischen der Skulptur, die nur eine "fatica del corpo", Schweiß und Schwielen verursacht, und der Malerei, die die "fatica di mente", die Ermüdung nach geistiger Arbeit herbeiführt. Andreas Schnitzler hat in einem Buch die "Relevanz der Paragone-Frage" ins 20. Jh. getragen. Uns geht es hier um den "fotografischen Zeichner" gegen den "zeichnenden Fotografen".

Es ist eine Langzeitstudie, denn Gerlinde Zantis und Michael Dohle reisen seit zehn Jahren regelmäßig gemeinsam in die Hochebene von Lozère, wenden sich also der gleichen Motivwelt zu. Die Orte sind spärlich bewohnt, topografisch strukturlos, von Wald- und Feldwegen umgeben. Sie erleben die Wohnhäuser und Schuppen im Sonnen- und Mondlicht, kräftig mit starken Schlagschatten oder gedämpft. Beide fotografieren. Sie suchen nicht die gleichen Motive, aber es ist deutlich, dass sie eine verwandte Sensibilität der Wahrnehmung pflegen und eine Konsonanz oder Konkordanz in ihren Aufnahmen suchen.

Im Aachener Atelier, wo Gerlinde Zantis das eine oder andere ihrer Fotos in eine Zeichnung umsetzt, entsteht der "Paragone", wenn Michael Dohle neben die Zeichnung eines seiner Fotos stellt. Wie nahe sollen sie sich kommen?

Der Betrachter wird zuerst das Opfer einer Täuschung, dann entdeckt er, dass er zwei Medien vor sich hat, die er anders zu betrachten gelernt hat: das alte, ehrwürdige, kostbare Medium der Zeichnung, das seine dokumentarische Glaubwürdigkeit abgegeben hat, und das populäre, allen zugängliche Medium des Fotos, das sie noch immer beansprucht. Ist er nicht gewohnt, in der Zeichnung die Virtuosität des Strichs zu suchen und im Foto nach der Schärfe zu fragen? Das eine für ein Kunstwerk, ein Unikat, das andere für einen vervielfältigten Konsumartikel zu halten?

Die Bilder kommen sich näher, seit Fotos nicht mehr auf Fotopapier entwickelt, sondern auf Papieren gedruckt werden, die ebenso einen Baumwollanteil haben wie die der Zeichnungen.

Der Paragone fordert gleiche Chancen für beide. Wer sie voneinander entfernt - etwa die Zeichnung gerahmt, das Foto aufgezogen -, betont ihre Andersartigkeit. Wer sie allzu sehr annähert - etwa beide kaschiert auf einer gemeinsamen Grundfläche -, verschleiert sie. Sollten sie gleich groß sein, weil Zeichner wie Fotograf behaupten, ihre Motive erlaubten jede Vergrößerung in ihrem Medium?

In einem Diptychon lassen sich zwei Bilder so zueinander ordnen, dass kompositorische Linien in einem sich im anderen fortsetzen. Mangelte es den beiden an dieser Konsonanz der Künstler in der Sensibilität ihrer Wahrnehmung, so wäre diese Zuordnung der Bilder erzwungen, so aber entsteht zwischen einer bleichen Hauswand und einem abgebrannten Kartoffelfeld eine aufregende Reibung, zwei Stimmungen geraten aneinander, die um nicht mehr als einen Halbton voneinander entfernt waren. In ihrer Medienverschleierung steigern sie den Ausdruck.

Man vergisst zu fragen, welches Medium denn für Darstellungen von Landschaft und ihre Stimmungen besser wäre, man ist geneigt, sich eine stereoskopische Brille vorzustellen, die in einem Auge eine Zeichnung, im anderen ein Foto trüge und einen dreidimensionalen Blick auf eine Landschaft erlaubte, in dem sich Foto und Zeichnung mischten. Gerlinde Zantis und Michael Dohle werden versuchen, sie herzustellen, obwohl es bisher nie ihr Ziel war, ein gleiches Motiv zu erfassen. Die Konsonanz, die sie schaffen, ist ein Ergebnis ihrer gemeinsamen Reise in eine Landschaft, die nicht die ihrer Heimat ist, einer Reise in die Fremde, in der sie als Freunde ihre Seherlebnisse vergleichen und entdecken, dass sie gleiche Stimmungen erzeugen. Die Werkgruppen, die nach diesen Reisen entstehen, sind Gruppen von Fotografien und Zeichnungen, die durchaus nicht immer, aber zuweilen Kombinationen erlauben, die sich schwer wieder auflösen lassen.

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