Deux Cafés Noirs

Dr. Nicole Nieraad-Schalke, „Deux Cafés Noirs“
Kunstverein Eisenturm Mainz e.V., 22. September 2017

„Deux cafés noirs“ werden uns heute kredenzt: zwei schwarze Cafés, verteilt auf zwei Ausstellungen, die gleichzeitig im Mainzer Eisenturm und im Ingelheimer Kunstverein gezeigt werden.

„Deux cafés noirs“ verweist jedoch insbesondere auf die zwei Café-liebenden Künstler, die sich seit 20 Jahren künstlerisch befruchten und eine verwandte Sensibilität der Wahrnehmung pflegen: die Zeichnerin Gerlinde Zantis aus Aachen und der belgische Fotograf Michael Dohle. Zufällig entdeckte Gemeinsamkeiten in den 1990er Jahren wurden schnell in eine inspirierende – und andauernde – Zusammenarbeit umgewandelt, die auch durch solche Gemeinschaftsausstellungen wie hier in Mainz und Ingelheim immer wieder neu befeuert wird.

Bewusst wurden die beiden Ausstellungen französisch betitelt: „Deux cafés noirs“ anstatt „Zwei schwarze Kaffees“. Nahezu alle Arbeiten, die uns hier umgeben, basieren auf gemeinsamen Reisen der beiden Künstler durch das süd-östliche Frankreich. Gerlinde Zantis und Michael Dohle wenden sich der gleichen Motivwelt zu: unspektakulären Landschaften jenseits klassischer Touristenpfade oder anonymen Dörfern, die keine Sehenswürdigkeiten, kaum Ablenkung bieten und somit auch nichts von ihnen fordern. Die beiden zieht es oft immer weiter aus der Zivilisation heraus, bis völlige Ruhe sie umfängt, das Handy keinen Empfang mehr hat und ihnen nur noch neugierige Wildschweine und Ziegen begegnen.

Während Michael Dohle auf Bildtitel verzichtet, lokalisiert Gerlinde Zantis jede Arbeit eindeutig in der französischen Topografie. Die Werktitel lauten daher „Dépt 07/Bois  d' Orgnac ll“ oder „Dépt 48/Nivoliers ll“. Dennoch erscheinen die abgebildeten Landschaften, Wege und Gebäudeensembles austauschbar und beinahe wie universale Prototypen. Wir finden diese Orte überall und nirgends, sie erscheinen losgelöst von Raum – und auch von Zeit. Denn nichts deutet darauf hin, ob diese Szenerien dem 18. oder dem 21. Jahrhundert entstammen. Die nüchterne Atmosphäre wird durch das völlige Fehlen menschlicher Zeichen wie Blumenkästen, Kinderfahrrädern oder Mülltonnen gestützt.

Die zwei schwarzen Cafés, die hier serviert werden, sind weit entfernt von Latte Macchiato mit laktosefreier Milch und Karamellgeschmack. Sie präsentieren sich stark, herb, unverdünnt – und gewiss nicht zuckrig! Und so pur, dass ihre Schwärze, ihre Dunkelheit uns umhüllt. Auf den ersten Blick scheinen die Arbeiten ausschließlich aus Weiß-, Grau- und Schwarzschattierungen zu bestehen. Kräftige Hell-Dunkel-Kontraste und ausgeprägte Schattenbilder beherrschen den ersten Bildeindruck.

Eine augenzwinkernde Antwort auf die Frage, wie man persönlich den Café bevorzugt, lautet: „Schwarz – wie meine Seele!“ Auch der melancholische französische Schriftsteller Jules Renard sinnierte vor über 100 Jahren: „Dans ma tasse, le café reflète mes idées noires.“ Zu Deutsch: „In meiner Tasse reflektiert der Kaffee meine schwarzen Gedanken.“ Tatsächlich können die hier gezeigten Arbeiten auch eine Projektionsplattform für höchst persönliche und psychologisch-düstere Emotionen sein – sie müssen es allerdings nicht! Zumindest der Entstehungsprozess der Arbeiten ist weit entfernt von pessimistischem Weltschmerz, sondern getragen von einer faszinierten, belebenden Schaffenskraft; Gerlinde Zantis spricht gar vom „Rausch der durchzeichneten Vollmondnächte“. Wenn wir Betrachter uns also ebenfalls auf diesen Nachtspaziergang einlassen, so gewöhnen sich unsere Augen nach und nach an die Dunkelheit. Wir erkennen in den Arbeiten immer diffizilere Details, immer raffiniertere Abstufungen – und immer größere Rätsel. Hier stimmt doch etwas nicht! Wird hier Mond- oder doch Sonnenlicht enthüllt, eine Morgen- oder eine Abenddämmerung oder ein aufziehendes Gewitter? Der fotografisch oder zeichnerisch eingefangene Lichterzauber stellt Fragen, ohne die Antworten zu verraten.

Ein noch größeres Rätsel gibt die – normalerweise banale – Frage auf, welcher Künstler hinter welcher Arbeit steckt. Denn so wie sich zwei schwarze Cafés ähneln, so ähneln sich auch zahlreiche der Arbeiten von Gerlinde Zantis und Michael Dohle. Die zwei Künstler sind verbunden durch gemeinsame Seherlebnisse auf ihren Reisen sowie eine sehr verwandte Ästhetik und Atmosphäre. Außergewöhnlich ist jedoch, dass beide ihr jeweiliges Handwerk so virtuos beherrschen, dass Gerlinde Zantis‘ Pastellzeichnungen oft wie Malerei oder gar Fotografie wirken und Michael Dohles Fotografien wie Malerei oder Zeichnung. Äußerst eindrucksvoll zeigt sich diese Grenzverwischung insbesondere bei den Bildpaaren, die bereits während des künstlerischen Entstehungsprozesses in den Dialog miteinander gegangen sind und ihn hier in Mainz fortsetzen. Haben sich unsere Augen mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, so sehen wir, dass sich in den Diptychen subtile Farbtöne gegenseitig hervorheben, Kompositionen sich spiegeln und Linien sich im „Partnerbild“ fortsetzen. Auch entdecken wir korrespondierende Motive. Aus dieser Verknüpfung entstehen ästhetisch und inhaltlich komplexe Kombinationen, die sich nur schwer wieder voneinander lösen lassen.

Wer – vom Café belebt – in der nächtlichen Dunkelheit unterwegs ist, den blendet das grelle Licht der Taschenlampe. Doch wenn Sie der geheimnis-vollenTechnikverschleierung auf den Grund gehen wollen, kommen Sie nicht umhin, die Arbeiten stärker zu beleuchten, intensiver zu betrachten und fast auf Tuchfühlung zu gehen – aber bitte nur fast! Über diesen pädagogisch-theoretischen Zugang erhalten Sie Antworten auf die Frage nach Pastellkreide oder Kamera, nach Computer oder Skizzenbuch.

Denn trotz aller Verwandtschaft sind die Arbeiten von Gerlinde Zantis und Michael Dohle einzigartig, so wie sich zwei Cafés zwar äußerlich gleichen, aber der eine aus Arabica-Bohnen und der andere aus Robusta-Bohnen gebrüht wurde. Obwohl sich beide Kaffeebohnen äußerlich ähneln, haben beide beim genaueren Hinsehen ihren ganz eigenen Charakter.

In Gerlinde Zantis‘ Zeichnungen aus Graphit, Pastellkreide und Farbstift entdecken wir Einflüsse des romantischen Malers par excellence, Caspar David Friedrichs. Tatsächlich fühlt sie sich dieser sehnsuchtsvollen Epoche des 19. Jahrhunderts verbunden. In ihren Arbeiten findet sich insbesondere das Motiv der Nacht immer wieder, während der alle Sinnegeschärft sind und die doch voller Geheimnisse ist. Obwohl nie direkt zu sehen, ist der Protagonist dieses geheimnisvollen Lichterzaubers der Mond. Dessen flirrendes Licht- und Schattenspiel fängt Gerlinde Zantis meisterhaft ein – und doch bleibt es rätselhaft. Mit allen Fasern spüren wir so die nächtlich-unheimliche, vielleicht auch die wunderbar-mythische Stille der Vollmondnacht.

Von Michael Dohles fotografisch konstruierten Momentaufnahmen, dem „café noir“, ist es manchmal nur ein kleiner Schritt zum „Film noir“. Dessen Ästhetik war stark vom expressionistischen Stummfilm der 1920er Jahre geprägt. Schräge oder verzerrte Kameraperspektiven, extreme Unter- oder Aufsichten sowie bizarre Effekte durch die Nutzung von Spiegeln oder gewölbtem Glas kennen wir z.B. aus „Metropolis“ von 1927 – und wir entdecken sie in aktueller Form bei Michael Dohle wieder. Viele seiner immer abstrakter werdenden Arbeiten widmen sich politischen Themen und umkreisen die Frage, wie sich Kunst mit Weltgeschehen auseinandersetzen kann.

Und abschließend können wir „Deux cafés noirs“ auch als Bestellung, als Aufforderung verstehen. Wir Betrachter werden von Gerlinde Zantis und Michael Dohle dazu aufgefordert, uns von ihrer dunklen Motivwelt umfangen zu lassen – aber versuchen Sie doch, die Taschenlampe dabei möglichst lange auszulassen…!

www.kultur-muss-knistern.de

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